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Hubert Anton Wieder

Hubert Wieder, Burgenländer in Rom, im Gespräch mit Egbert Amann-Ölz über subtile Revolutionärinnen, die intuiert haben, dass die Liebe stärker ist als die Macht.

Wenn Martin Kirchner im letzten Interview die Organisation Kirche als Ganzes wie einen Dinosaurier, extrem schwerfällig erlebt und sich von ihr eine sozialrevolutionäre Kraft wünscht, die Menschen begleitet in ihre Emanzipation hinein und das Ganze verbindet mit dem tieferen Anliegen des Glaubens, nämlich das >Reich Gottes< hier, so kommt hier ein sehr reflektierter Priester zu Wort, der ebenso kritisch zu sich selbst wie zur Institution ist, der er angehört, und der ebenso von einer Revolution spricht. Einer stillen Revolution, so wie Bodo Jansen in seinem gleichnamigen Film.

Ausgehend von einer denkwürdigen Veranstaltung im Burgenland „Kirche neu (er)finden“ geht es in diesem Interview in die Abgründe von Kirche und Glauben – ganz unabhängig ob mit oder ohne Corona. Authentisch-witzig-kritisch-abgrundtief ist dieser Burgenländer, der dzt. in Rom lebt am Puls des fundamentalen gesellschaftlichen und kirchlichen Wandels, der sich auch in der Fokolarbewegung abspielt, aus deren Charisma er schöpft:

  • Wir leben in einer Zeit, in der die zu männliche Strukturierung in der Kirche in sich selber zusammenkracht“ (Min. 9:00).
  • Jede Systemänderung, die nicht eine Wandlung des / der einzelnen zur Voraussetzung hat, war zum Scheitern verurteilt in der Geschichte, weil man die eigenen Fehler am Besten in den anderen bekämpft.“ (12:45)
  • Ich brauche mich nicht zu schämen, der Kleinste zu sein. Am letzten Platz habe ich die größte Perspektive.“ (13:30)
  • Wir haben demütig gelernt, dass wir nicht nur Teil der Lösung der Probleme, sondern auch Teil der Probleme sind, und damit quasi auf Augenhöhe die Heilung, die wir selber erfahren haben und immer wieder erfahren, anzubieten denen, die verletzt sind um uns herum – so wie wir! Das ist eine ganz neue Perspektive, das ist das, wo wir hingehören.“ (16:00)
  • Gott stellt sich in Jesus an den letzten Platz, weil sich der Liebende gegenüber dem Geliebten klein macht, weil er den Geliebten groß machen will. Das war für mich eine Entdeckung der Extraklasse … Gott nimmt dem Menschen nichts von seiner Würde, sondern gibt ihm die Würde, wie es sich der Mensch nie zu träumen gewagt hätte.“ (17:00)
  • Wie ich täglich zur Ruhe kommen – 5x am Tag (19:00).
  • Durch die vielen Muslime, die es mittlerweile in Europa gibt, wird die Gottesfrage neu gestellt. Glaube an Gott ist nichts rein Privates, sondern verändert Wirklichkeit – auch gesellschaftliche Wirklichkeit (26:00)
  • „Wir sind massiv in Gefahr in der Kirche, dass wir glauben, mit Selbstinszenierung die Kirche aus der prekären Situation, in der sie sich befindet, retten zu können. Das ist ein grober Irrtum. Denn wenn es keine Kongruenz gibt zwischen dem was wir sind und dem was wir sagen, dann haben wir ein massives Problem. Dann wundert es mich nicht, wenn die Leute weggehen, denn belogen und betrogen werden sie auch woanders.“ (28:45)
  • Ich habe noch immer den Eindruck, wir vertrauen mehr darauf, dass wir den Leuten sagen, wo’s lang geht, als dass wir selber den Weg gehen. Dort liegt der Hund begraben.“ (30:20)
  • Wenn ich selber nicht persönlich und gemeinschaftlich diese Erfahrung mache: Dass Gott mich persönlich und jede(n) andere(n) unendlich gern hat, so gern, dass er mit dir und mit mir, mit jeder und jedem die ganze Ewigkeit verbringen möchte … da muss er uns SEHR gern haben! Das vermitteln wir kaum – oder gar nicht. Im Gegenteil. Es schaut eher so aus, wir vermitteln eine Institution, die festhalten möchte an gesellschaftlichen Privilegien, die längst obsolet sind, die ein Erbe der Vergangenheit sind, das in keinster Weise real-gesellschaftlich gedeckt ist.“ (30:40)
  • Warum tun wir das? – „Aus Angst vor der Nacktheit. D.h. wir inszenieren uns selber, weil uns diese Grunderfahrung fehlt. D.h. wenn ich Gott (der Liebe) nicht den 1. Platz in meinem Leben und auch im gemeinschaftlichen Leben einräume, dann muss ich dieses Vakuum füllen mit Streben nach Machterhalt, nach gesellschaftlicher Anerkennung, nach Applaus, … 100.000 Götzen, die den 1. Platz in meinem / unseren Leben einnehmen wollen. … und wenn wir das bei Priestern erleben, dann ist das skandalös. Das ist ein beständiger, sakralisierter Machtmissbrauch.“ (32:00)
  • „Die Jungen sind – so wie in allen Zeiten – sehr auf der Suche nach dem, was ihr Leben tatsächlich trägt durch alle Höhen und Tiefen, und wir hätten es in der Kirche. Aber wir sind uns dessen meistens selber nicht einmal bewusst, weil wir es selber nicht erfahren haben. Das ist ein Skandal der Extraklasse. Wir geben Gott nicht die Möglichkeit, sich als Gott (Liebe) zu erweisen, als Gott unter uns, und verkünden daher einen Gott, den wir selber produzieren, der unsere Machtansprüche sichert. Das ist ein Skandal! Ein Skandal, wenn du dir Jesus am Kalvarienberg in seinem Todeskampf anschaust, wenn du dir denkst, dass er das Modell ist, dann ist das eine Gotteslästerung. (34:50)
  • Wir sind alle Verletzte … und es gibt den, der vor uns allen verletzt worden ist am Kreuz.“ (36:55) – vgl. auch Oscar Wilde: Der selbstsüchtige Riese.
  • Gibt es noch Hoffnung für diese Kirche? – „Wenn ich an Benedikt von Nursia, Katharina von Siena, Theresa von Avila denke, … es gibt immer welche, die Antwort geben auf diese Liebe, und nicht nur innerkirchlich Furore machen und massiv gelitten haben natürlich, und die gleichzeitig die Welt außerhalb der Kirche staunen haben lassen, was bei diesen Christen an höchst Menschlichem zutage kommt.“ (39:00)
  • Macht es überhaupt noch Sinn, innerhalb der Struktur der Ortskirche zu arbeiten, oder ist es nicht besser, wir befreien uns von dieser Struktur, die uns so einengt? – „Schau dir die Truppe um Jesus an: keiner von denen bleibt über. Die Frauen bleiben unter dem Kreuz … die Männer nicht. Wir müssten eigentlich erkennen, dass der Beitrag der Frauen WESENTLICHER ist als der der Apostel. Im entscheidenden Moment waren sie präsent, die Apostel nicht. Dann, bei der ersten Begegnung des auferstandenen Jesus mit dieser Supertruppe, die er sich da gesammelt hat, sagt er mehrmals: Friede sei mit Euch, Shalom Alechem! … Und sagt damit: Ich vergebe euch eure Armseligkeit. Ich ermächtige euch, auf der Tatsache dass Ihr arme Würstel seid, diese Liebe durch eure Taten und wenn notwendig auch durch eure Worte, weiterzusagen der ganzen Menschheit, … weil das genau das ist, was der himmlische Vater möchte: dass hier der Himmel erfahrbar ist – in uns und unter uns – das absolute Glück, schon erfahrbar.“ (46:40)
  • Warum schreit die Kirche nicht lauter und verweigert den Mächtigen die Gefolgschaft, angesichts der Tatsache, dass bspw. im Mittelmeer Tausende von Menschen ihr Leben verlieren auf der Flucht vor Dingen, die Europa mitverursacht hat? – „Es reicht nicht in Sonntagsreden und Fernsehgottesdiensten diesen Einsatz für die Letzten zu inszenieren, ohne das persönlich mit dem Herzblut zu unterschreiben und alles dafür zu tun.“ 53:00
  • Wie Kirche geht“ (53:50 – Vgl. Christian Hennecke im Interview nächste Woche)
Nächste Woche
Christian Hennecke
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Eine Antwort

  1. Danke!
    Dieses Interview mit Hubert Wieder ist für mich wie eine neue Offenbarung.
    Das hat mir die Rolle der Frau, wie ich sie in meinem Inneren schon lange spüre, zum Ausdruck gebracht, wie ich sie noch nie in Worte fassen konnte.
    Wenn wir Frauen das Frau-sein in der heutigen Zeit so leben würden, dann würden auch die Männer nicht mehr nach Macht streben und den Wert der Frau erkennen und beide ihre Gaben und Talenten erkennen, und sie für Gesellschaft und Kirche fruchtbar werden lassen können.

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